Als wir gegen 18 Uhr Lokalzeit Cancún anflogen, war deutlich zu sehen: Yucatán ist ziemlich flach und von dichtem Dschungel bewachsen. Die Wolken türmten sich am Horizont und die tief stehende Sonne bemühte sich um eine goldene Abendstimmung über dem Golf von Mexiko. Eine halbe Stunde später war es dunkel.
Willkommen in Yucatán
Beim Verlassen des top modernen, blank polierten Flughafengebäudes schlug uns feucht-heisse Luft entgegen – den Pullover, welcher uns im kühlen Flugzeug warm hielt, brauchten wir definitiv nicht mehr. Nach rund 50 Minuten Fahrzeit erreichten wir unser Hotel im Zentrum von Playa del Carmen. Kurz frisch gemacht – und schon mischten wir uns unter die Locals. Wir spazierten zu einer nahe gelegenen Taqueria, wo wir unsere Gaumen an die mexikanische Küche gewöhnten.
Unser Hotel liegt ideal, um auf einem Verdauungs-Spaziergang erste Eindrücke der Stadt zu einzufangen. Als wir gegen 22:30 das Restaurant verliessen, erwartete uns jedoch eine heftige Regendusche. Ausserdem meldete sich der Jet-Lag… Unsere innere Uhr war noch auf Mitteleuropäische Zeit geeicht, wo es bereits 4:30 am nächsten Tag war. So gab es anstelle eines Spaziergangs einen wohl verdienten Verdauungs-Schlaf.
Das Erbe der alten Mayas
Trotz frühem Start am nächsten Morgen gerieten wir auf der Fahrt zu den Ruinen von Tulum in den Stau – und machten eine spannende Beobachtung: Auf der offiziell zweispurigen Fahrbahn bildeten sich im nu drei und teilweise sogar vier Spuren Kolonnenverkehr. Mexikanischer Pragmatismus at its best… So ging es trotzdem stetig vorwärts und wir erreichten die auf einer hohen Klippe über dem türkis leuchtenden Meer gelegenen Maya-Ruinen vor dem grössten Besucheransturm. Nicht nur die Überreste der antiken Bauten und die fantastische Aussicht auf das Karibische Meer liessen mein Herz höher schlagen, sondern auch die unzähligen Leguane, welche auf den Ruinen an der Sonne fläzten.
Die Mayas hinterliessen auf der ganzen Yucatán Halbinsel ihre Spuren; viele Ruinen liegen – teils noch unentdeckt – inmitten des dichten Dschungels. Einige wurden sorgfältig von Pflanzen und Erde befreit und ziehen Besucher aus aller Welt in ihren Bann. Wir besuchten auf unserer Rundreise zwei der bekanntesten dieser Dschungel-Stätten: Uxmal und Chichen-Itzá. Auch hier waren wir früh vor Ort und hatten die Anlage – besonders in Uxmal – bis auf die zahlreichen Leguane fast für uns alleine. Mich beeindruckte die Architektur der mächtigen Pyramiden und Paläste mit den detailreichen Steinmetzarbeiten und Ornamente, die ganze Geschichten erzählen. Teilweise kommen sie erst aus der Distanz betrachtet und mit dem richtigen Lichteinfall voll zur Geltung, wie beispielsweise die Schlange, welche bei Tag- und Nachtgleiche die Pyramide von Chichen-Itzá runterschlängelt.
Doch nicht nur Tempel und Pyramiden zeugen von der hochentwickelten Zivilisation der alten Maya, auch ein ausgedehntes Kanalsystem für den Warentransport auf Wasserwegen wurde von ihnen erschaffen. Einen dieser Maya-Kanäle erkundeten wir im Biosphärenreservat Sian Ka’an, heute Mexikos grösstes Naturschutzgebiet und für die alten Maya der heilige Ort, «wo der Himmel geboren wurde». Mit kleinen Motorbooten durchquerten wir in rasanter Fahrt die Lagune Muyil und erreichten schon bald den Kanal, welcher quer durch die dichten Mangroven zu einer weiteren Lagune und schlussendlich bis zum Meer führt. Als absolutes Highlight konnten wir uns – mit «Schwimmwesten-Hosen» ausgerüstet – ein Teilstück in der leichten Strömung schwimmend durch den seichten Süsswasser-Kanal treiben lassen. Wir genossen die Stille und waren langsam genug, um auch ab und zu einen auf einem Ast sitzenden Vogel zu entdecken.
Tierische Vielfalt Yucatáns
Über 350 Vogelarten beleben das Biosphärenreservat Sian Ka’an und sind teilweise auch in anderen Regionen der Yucatán Halbinsel heimisch. Dazu gehören Fregattvögel, Kormorane, Pelikane, Flamingos und Reiher. Durch die tropischen Regen- und Trockenwälder Yucatáns flattern unzählige Schmetterlingsarten und streifen unter anderem Säugetiere wie Tapir, Aguti, Jaguar, Puma und Brüllaffen.
Kreaturen wie Meeresschildkröten, Krokodile, Delfine und seltene Seekühe (Manaties) leben in den Gewässern und Mangrovenwäldern Sian Ka’ans. Letztere konnten wir auf unserer Bootstour sogar beobachten, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser streckten um nach Luft zu schnappen, bevor sie wieder in die Tiefen der Lagune untertauchten. Ebenfalls ein Salzwasserkrokodil und verschiedene Vögel entdeckte und zeigte uns der Bootsführer.
Nebst den Leguanen bei den Maya Stätten konnten wir am Schluss der Reise während des Strandaufenthaltes ebenfalls Agutis aus nächster Nähe beobachten. Die anpassungsfähigen Nager, welche wie ein aufgeblasenes Meerschweinchen auf Stelzenbeinen aussehen, leben im nahen Buschland und tummelten sich regelmässig unter den Palmen am Strand und in der Hotelanlage.
Begegnung mit Einheimischen
Viel kleineren Tierchen begegneten wir beim Besuch der Honigkooperative Ko’olel Kab. Eine Gruppe von Maya-Frauen, unter der Leitung von Leydy Pech, hegt und pflegt stachelfreie Wildbienen – so wie es ihre Vorfahren seit Jahrhunderten praktizierten. Die Bienenvölker der seltenen Melipona Beecheii leben in geschlossenen Baumstämmen, welche von den Imkerinnen nur einmal pro Jahr für die Honigernte geöffnet werden. Leydy Pech erklärte uns ausführlich alles Wissenswerte zur Haltung der Wildbienen sowie über ihren erfolgreichen Kampf gegen einen Agrar-Riesen, welcher in der Region genveränderte Sojabohnen anpflanzte, welche die Qualität der Bienenprodukte sowie das Leben der Wildbienen bedrohte. Ihr immer noch andauerndes Engagement zum Schutz der Bienen und zur Erhaltung der indigenen Kultur sowie ihre bodenständige Art haben mich beeindruckt.
Eine weitere starke Frau besuchten wir in Bécal, dem Zentrum der Jipi-Japa-Sombreros, welche im Rest der Welt als Panama Hüte bekannt sind. Die aufgeweckte Doña Chari lernte bereits als Mädchen das aufwändige Kunsthandwerk des Hutflechtens. Gemeinsam mit ihrem Mann Erminio zeigte sie uns den Produktionsprozess von der Ernte und Veredelung der Palmblätter über die aufwändige Flecht-Handarbeit in der Kellerhöhle bis zum fertigen Strohhut im Verkaufsladen. Passend zum Día de Muertos (Allerseelen), an welchem wir Doña Chari besuchten, hatte sie eine spontane Überraschung für uns bereit: Sie kleidete eine Reiseteilnehmerin als Catrina (Skelett-Dame) ein.
Möchten Sie noch mehr über unseren Besuch bei Doña Chari erfahren?
Lesen Sie den separaten Bericht zum Insider-Erlebnis «Auf den Spuren des Panama Huts».
Ebenfalls ganz im Zeichen der Día de Muertos Traditionen stand der Kochworkshop zu Hause bei einer Maya-Familie. Wir wurden mit frischen Früchten, Fruchtsaft und dem traditionellen Pan de Muerto, ein Gebäck welches ähnlich schmeckt wie unser Dreikönigskuchen, im Haupthaus begrüsst. Anschliessend bereiteten wir im Garten gemeinsam mit Gladys’ Familie traditionelle Mukbilpollos zu: In Bananenblätter eingepackte, mit Poulet und Tomatensauce gefüllte Maisbrei-Torten, welche während rund zwei Stunden im Erdofen gebacken werden und in dieser Form nur für die Día de Muertos Feier zubereitet werden.
Bis die Speisen gar waren, unternahmen wir einen kurzen Dorfspaziergang zur Kirche auf einem Hügel mit Aussicht. Unterwegs konnten wir in einer Tortillería beobachten, wie Tortillas und Tortilla-Chips gebacken werden. Und für den Rückweg überraschte uns Gladys mit Moto-Taxis, DAS Transportmittel der Einheimischen auf dem Land.
All diese herzlichen Begegnungen sowie die Traditionen rund um den Día de Muertos sind mir noch immer in bester Erinnerung und machten die Yucatán Rundreise zu einem unvergleichlichen Erlebnis.
Traditionen zum Día de Muertos
Während bei uns Allerheiligen und Allerseelen Tage der Trauer und Stille sind, feiern die Mexikaner farbenfroh und mit Musik und Tanz die Rückkehr ihrer verstorbenen Angehörigen aus dem Jenseits. Dieser Umgang mit dem Tod als natürlicher Teil des Lebenskreislaufs stammt aus den alten Hochkulturen der Mayas und Azteken, für die der Tod als Anfang neuen Lebens in einer Parallelwelt galt. Bis zur Ankunft der spanischen Eroberer wurde das Totenfest im Sommer gefeiert; mit der Verbreitung des katholischen Glaubens verschmolz der indigene Totenkult mit den christlichen Festen Allerheiligen und Allerseelen zum heutigen Día de los Innocentes am 1. November und dem Día de Muertos am 2. November.
Als Vorbereitung für die Ankunft der Seelen der Verstorbenen bauen die Mexikaner liebevoll dekorierte Altare – zu Hause, an der Arbeit, in der Schule, auf öffentlichen Plätzen oder in der Nähe des Grabes. Auf mehreren Ebenen werden Lieblings-Speisen und -Getränke, persönliche Gegenstände sowie Fotos der Verstorbenen platziert und mit leuchtend orangen Ringelblumen, Kerzen, farbenfrohen Girlanden und Zucker-Schädeln dekoriert. Auch das Pan de Muerto darf nicht fehlen. Solche Altäre konnten wir fast täglich während unserer Reise bestaunen: Auch in Hotels, Restaurants, Läden oder bei Sehenswürdigkeiten wird mit Altären der Besuch der verstorbenen Arbeitskollegen vorbereitet.
Die Feierlichkeiten werden lokal sehr unterschiedlich begangen; in Yucatán mit einem nach wie vor hohen indigenen Bevölkerungsanteil werden teilweise einzigartige Rituale zelebriert. Im kleinen Dorf Pomuch starten die Feiertage mit der Reinigung der Gebeine der Verstorbenen, welche anschliessend wieder liebevoll in die offenen Särge gebettet und im offenen Totenhäuschen platziert werden. Bei einem Friedhof-Spaziergang durften wir die freudige Stimmung in Erwartung des Besuchs aus dem Jenseits erleben und die offenen Totenhäuschen sehen. Zur Krönung der Feiertage wird vielerorts ein Umzug mit festlich und farbenfroh gekleideten Catrinas/Catríns (Skelett-Damen/-Herren) veranstaltet. So auch in der Stadt Mérida, wo wir mittendrin dabei waren, als der farbenfrohe Umzug zum Abschluss des eine Woche dauernden Festival de las Ánimas (Fest der Seelen) durch die Innenstadt zog.
Erbe der spanischen Kolonialherren
Mérida ist nicht nur für sein grosses Volksfest rund um den Día de Muertos bekannt, sondern auch für die schön restaurierten Prachtpaläste der ehemaligen Sisalbarone und die farbenfrohen Fassaden aus der Kolonialzeit. Auch in Izamal, Valladolid und Campeche begeisterte mich die gut erhaltene Kolonialarchitektur. Rund um die Stadt Mérida befinden sich zahlreiche ausgedehnte Haciendas der ehemaligen Sisalbarone, welche heute zu Hotels umfunktioniert wurden. Wir besuchten auf unserer Rundreise eine dieser Haciendas, welche ein regelrechtes Freiluft-Museum ist. Die Maschinen aus der Kolonialzeit sind noch voll funktionstüchtig, werden aber nicht mehr kommerziell genutzt.
Wir konnten den ganzen Sisal-Produktionsprozess kennenlernen – von der Extraktion der Sisal-Fasern aus den Henequen-Agaven bis zum fertigen Seil. Zum Abschluss stiegen wir auf einen offenen Bahnwagen, welcher früher für den Transport der geernteten Agaven genutzt wurde. Gezogen von einem Maultier kurvten wir durch die alten Henequen-Plantagen zu einer Cenote (Wasserloch), welche ebenfalls zur Hacienda gehört. Nach einem erfrischenden Bad in der Höhle ging es zurück zur Hacienda, wo ein leckeres Mittagessen wartete.
Mexikos kulinarische Köstlichkeiten
Das Bild von Agaven weckt bei einigen Personen möglicherweise nicht den Gedanken an ein Seil, sondern eher an etwas Hochprozentiges. In der Tat: Mexikos Nationalgetränk Tequila bzw. Mezcal ist ebenfalls ein Agavenprodukt. In einer Mezcal-Destillerie wurde uns erklärt, wie der Schnaps gebrannt wird, wir konnten uns durch die Geschmäcker der verschiedenen Reifegrade probieren und lernten den feinen Unterschied zwischen Mezcal und Tequila kennen: Mezcal ist der Überbegriff für alle Agaven-Schnäpse. Auch Tequila ist ein Mezcal, welcher jedoch zu 100% aus der blauen Agave (Agave tequilana) und ausschliesslich in der Region rund um die Kleinstadt Tequila hergestellt wird. Der Name ist also eine Ursprungsbezeichnung, vergleichbar mit Champagner für Schaumwein aus der Champagne.
Um ehrlich zu sein, auch im Land des Tequila schmeckte mir das Getränk nicht… Was meine Geschmacksknospen hingegen erfreute, waren die frisch zubereiteten, erfrischenden Aguas (Fruchtwasser) und Jugos (Fruchtsäfte). Der leuchtend rote Klassiker Agua de Jamaica (auf Basis von Hibiskusblüten) oder ein Jugo Verde (Apfelsaft mit Limette, Spinat und weiteren Zutaten) schmecken vorzüglich – zum Essen oder auch einfach als Erfrischung zwischendurch. Ebenfalls weit verbreitet ist in Mexiko die Bierkultur. Nebst dem weltbekannten Corona Extra gibt es eine reiche Auswahl von Alternativen – Sol, Dos Equis XX und Victoria, um nur ein paar zu nennen.
Die mexikanischen Gerichte tönen wie Musik in den Ohren und wir konnten uns durch einige probieren. Spezialitäten aus Yucatán wie Sopa de Lima (Limettensuppe mit gezupften Pouletfleisch), Cochinita Pibil (zartes, im Erdofen gebackenes Schweinefleisch) oder Tamales (in Bananen- oder Maisblätter gewickelter, im Erdofen gebackener Maisbrei, je nach Vorliebe mit Poulet, Schweinefleisch, Ei, Gemüse oder Käse gefüllt). Auch Klassiker wie Quesadillas (mit Käse oder Käse und Spinat gefüllte Tortillas), Empenadas (knusprig frittierte Teigtaschen, mit salziger oder süsser Füllung) oder Tacos (kleine, mit Fleisch, Zwiebeln und Gemüse belegte Mais-Tortillas) landeten auf unserem Teller.
Was in Mexiko fast immer auf dem Tisch steht: Tortillas, Tortilla Chips, Guacamole und Salsa Picante. Die Gerichte selbst waren nicht so scharf, wie ich es erwartet hätte, da die pikante Sauce in der Regel separat serviert wird. So kann jede Person die Schärfe nach eigenem Gutdünken anpassen. Aber Achtung: Die Salsa picante ist wirklich seeeehr scharf…
Souvenirs und Erinnerungen
Einzelne Zutaten sowie Rezepte dieser köstlichen Speisen sind beliebte Souvenirs, um zu Hause in Mexiko Erinnerungen zu schwelgen. Auch farbenfrohes Kunsthandwerk aus Stoff, Holz, Glas, Keramik, Leder oder auch Gold und Silber sind beliebte Mitbringsel aus Mexiko – manche Souvenirläden gleichen einer Kunstgalerie und sind wahre Augenweiden. Oder wie wärs mit einem Jipi-Japa Sombrero oder einer handgeknüpften Hängematte? Dazu eine Dose Bier oder eine Flasche Tequila für den passenden Cocktail – und schon kommt zu Hause in der Hängematte relaxend Mexiko-Stimmung auf.
Auch wir hatten am Schluss unserer Reise ausreichend Zeit zum Entspannen und verbrachten ein paar Tage am Strand von Playa del Carmen, wo wir unter Palmen die Seele baumeln lassen und unsere Reiseerlebnisse Revue passieren konnten, bevor uns der Flieger zurück in die winterliche Heimat brachte.