«Direkte Begegnungen bieten immer die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und sich ein eigenes Bild zu machen».

Vögele Reisen veranstaltet im Herbst erstmals eine Rundreise durch Nordkorea. Ein Reiseziel, das Fragen aufwirft. Unser Reiseleiter Walter Bührer kennt das Land persönlich und beleuchtet Pros und Contras einer Nordkorea-Reise.



Den Durchschnittstouristen brächten wohl keine zehn Pferde nach Nordkorea, bei einer wachsenden Minderheit stösst das Land als Reiseziel aber auf grosses Interesse. Welcher Reisetyp muss man für diese ungewöhnliche Destination sein?

Man braucht sicher kein Abenteurer zu sein! Aber wer nach Nordkorea fährt, sollte sich auf ein Reiseerlebnis einlassen können, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Der Reisende muss sich den Eigenheiten dieses Landes bewusst sein. Kaum individuelle Freiheit zu haben, sich fast nirgends frei bewegen zu können und ständig überwacht zu sein, ist nicht jedermanns Sache. Anderseits erlebt man immer wieder Überraschungen: Blicke hinter die Kulissen des total abgeschotteten Landes; Kontakte, die zeigen, dass in Nordkorea genauso Menschen leben wie anderswo auf der Welt. Wer offen, neugierig, unvoreingenommen, mit kritischer Distanz und ohne falsche Erwartungen nach Nordkorea reist, wird auf jeden Fall belohnt.

Warum ziehen immer mehr Reisende Nordkorea als Reiseziel in Betracht?

Ich denke, der Zeitpunkt ist derzeit ideal, um nach Nordkorea zu reisen. Auch Nordkorea bewegt sich. Von Öffnung zu sprechen, ist vielleicht übertrieben; aber nach allen Berichten gibt es heute doch gewisse Freiheiten für die Bevölkerung. Jetzt, wo sich im Verhältnis zwischen Nordkorea und den USA sowie zwischen dem Norden und dem Süden des geteilten Landes eine Annäherung abzeichnet, könnte man durchaus eine interessante Phase der koreanischen Geschichte miterleben.

Wird der Reisende in Nordkorea denn nicht bloss Zeuge eines falschen Schauspiels?

Die Frage ist sehr berechtigt. Wer durch Nordkorea reist, wird mehrheitlich das zu sehen und zu hören bekommen, was das Regime wünscht: selbstverständlich die Monumente und Paläste der Kim-Dynastie; Orte der jüngeren und älteren Vergangenheit des Landes mit den entsprechenden Informationen; blitzblank herausgeputzte Städte; Vorzeige-Fabriken; Kulturveranstaltungen auf hohem Niveau. Daneben aber wird man auch manches sehen können, was der Realität des Landes genauso entspricht: bitterarme Menschen auf dem Land; Bauern, die noch so arbeiten wir vor Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten.

Du hast 2013 als Reiseleiter Nordkorea besucht. Was hat dich besonders erstaunt oder beeindruckt?

Zuerst einmal: wie viel wir dank einem straffen Besuchsprogramm erlebt haben und auch fotografieren konnten. Beispielsweise eindrückliche Landschaften wie die Myohyang-Berge oder kulturhistorisch bedeutsame Orte wie die Stadt Kaesong mit ihrer gut erhaltenen Altstadt und Stätten wie den Königsgräbern aus der Zeit des 14. Jahrhunderts, die auch von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt werden. Als Reiseleiter war es für mich erstaunlich, wie viele Konzessionen ich den offiziellen nordkoreanischen Betreuern immer wieder zugunsten der Gruppe abringen konnte: den einen oder andern Umweg; Fotohalte, die nicht vorgesehen waren; den Besuch eines Vergnügungsparks am Abend, wo wir ganz plötzlich mit der Bevölkerung in Kontakt kamen und wir erlebten, wie gern sich auch Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner von uns fotografieren liessen.

Wie unterscheiden sich Reiseeindrücke, die man im isoliertesten Land der Welt gewinnt, von Erlebnissen in weniger ungewöhnlichen Reiseländern?

Ein jahrzehntelang total abgeschottetes Land und seine Menschen zu sehen und zu erleben, hat einen besonderen Reiz. In Nordkorea erlebt man zudem immer wieder Überraschungen: beispielsweise an einer Blumenausstellung in Pjöngjang plötzlich Hunderten von Soldaten und Offizieren zu begegnen. Oder Zehntausende junge Menschen in wunderschönen, traditionellen Kleidern zu sehen, die an einem Sonntagnachmittag Volkstänze aufführen. Oder Jugendliche beobachten zu können, die einen Heldenfriedhof besuchen. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass es in Nordkorea auch eine andere, brutalere Realität gibt, als man sie als Tourist erlebt.

Wie beurteilst du die Entwicklung des Landes seit deiner Reise?

Nach den verfügbaren Informationen hat sich das Leben der Menschen in Nordkorea in den letzten Jahren leicht verbessert; es gibt gewisse Freiheiten, die es 2013 noch nicht gab. Das ist auch ein Grund, nochmals hinzureisen und mit eigenen Augen hinzusehen.

Geprägt von jahrzehntelangem Säbelrasseln dürften sich Interessierte trotz der anhaltenden Phase der Entspannung fragen, ob eine Reise nach Nordkorea ungefährlich sei…

Man darf den Einschätzungen des EDA durchaus vertrauen. Im Übrigen ist man wahrscheinlich nirgends auf der Welt als Tourist so gut behütet wie in Nordkorea!

Anmerkung von Vögele Reisen: Sollte sich die politische Lage widererwarten erheblich verschlechtern und dazu führen, dass das EDA von einer Reise nach Nordkorea abrät, kann diese spesenfrei annulliert werden.

Sicherheitspolitische Bedenken stehen zum heutigen Zeitpunkt zwar nicht mehr im Vordergrund, doch ist es moralisch und ethisch denn auch vertretbar, in ein diktatorisches Land wie Nordkorea zu reisen?

Für viele dürfte es unvorstellbar sein, ein Land wie Nordkorea zu bereisen. Und damit indirekt ein Regime zu stützen, das mit seiner irrwitzigen Aufrüstung über Jahrzehnte den Weltfrieden gefährdet und gravierende Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hat. Andere wiederum werden argumentieren, der Tourismus trage zu einer Öffnung des Landes bei und komme damit auch den Menschen zugute. Mit Recht wird man auch die Frage stellen dürfen, wie viele andere Länder man ebenfalls meiden müsste. Meine persönliche Erfahrung ist die: Direkte Begegnungen bieten immer Möglichkeiten, Vorurteile abzubauen und sich ein eigenes Bild zu machen. Ein bekanntes chinesisches Sprichwort sagt: «Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.» In diesem Sinne freue ich mich darauf, Nordkorea mit interessierten Gästen ein weiteres Mal zu erleben.

Nordkorea aktuell: Gefragt sind nun kleine Schritte statt grosser Show

Die Augen der Weltöffentlichkeit waren vergangene Woche auf Hanoi gerichtet, wo das zweite Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un stattfand, jedoch ohne Vereinbarung endete. Ein Misserfolg, der quasi programmiert war: So war es Washington und Pjöngjang schon in den Vorverhandlungen nicht gelungen, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Laut Nordkoreakennern sind Verhandlungsfortschritte zwar durchaus möglich – aber nur mit deutlich mehr Ernsthaftigkeit. Und weniger Show. Kleinere Schritte sind nun gefragt. Manch ein politischer Beobachter setzt ohnehin mehr Hoffnung auf den in Gang gesetzten innerkoreanischen Annäherungsprozess. Obschon sich die Welt einen anderen Ausgang des Gipfeltreffens erhofft hat, darf man nicht vergessen, dass es – gemessen am jahrzehntelangen Korea-Konflikt – erst gestern war, als Trump und Kim noch lautstark mit dem Säbel rasselten. Und nun besteht wieder ein Dialog. Zudem gaben die USA und Südkorea wenige Tage nach dem Staatstreffen bekannt, dass sie ihr jährliches Frühlingsmanöver durch kleinere Militärübungen ersetzen werden, um «die diplomatischen Bemühungen weiter zu fördern.»

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