Materas mirakulöse Metamorphose

Langezeit galt Matera als Schandfleck Italiens. Nach einem kometenhaften Aufstieg präsentiert sich die Höhlenstadt heute jedoch als architektonisches und kulturelles Kleinod, zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist Kulturhauptstadt 2019.

Der Parco della Murgia, der eine tiefe Schlucht von der süditalienischen Kleinstadt Matera trennt, verschafft Neuankömmlingen einen atemberaubenden Über- und Ausblick. Die in die gegenüberliegende poröse Wand des Canyons gemeisselten Felsenkirchen und Sassi, wie die Höhlenhäuser genannt werden, wirken wie übereinandergestapelt – verbunden durch verwinkelte Treppen und enge Gässchen. Besonders schön ist der Anblick, wenn die untergehende Sonne, die in den Tuffstein geschlagene Höhlenstadt optisch zum Glühen bringt.

Ein Spaziergang durch Matera ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, zum Ursprung unserer Zeitrechnung. So trägt die Stadt nicht ohne Grund den Beinamen «Bethlehem von Italien» und diente dank ihrer grandiosen, biblisch anmutenden Kulisse immer wieder als Drehort von Bibelfilmen wie die Passion Christi von Mel Gibson oder von der Neuverfilmung von Ben Hur.

Hinter dem Ende der Welt
Gemessen an Materas jahrtausendealter Geschichte war es erst gestern, als sich ganz Italien für die Höhlenstadt schämte. Sie galt als «vergogna nazionale», als nationale Schande – ein Ort, an den sich niemand freiwillig verirrte. Hier fehlte es an allem – insbesondere an Hygiene. Es gab keine Elektrizität, kein fliessendes Wasser, die Bewohner hausten in den Höhlen Seite an Seite mit Schweinen, Ziegen und Hühnern. Auch Carlo Levi, ein Turiner Arzt kam nicht freiwillig in diese Gegend, er wurde 1935 von den Faschisten als politischer Gefangener hierher verbannt. Diese Zeit verarbeitete er zehn Jahre später in seinem Buch «Christus kam nur bis Eboli». Eboli, eine Kleinstadt südlich von Neapel, schien damals das Ende der Welt zu sein. So zumindest kam es den Menschen vor, die «hinter» Eboli wohnten, demzufolge auch den Bewohnern von Matera. Das Buch sorgte für einen nationalen Aufschrei und führte schliesslich in den 1950er Jahren zur Umsiedlung von tausenden «Höhlenbewohnern». Die Sassi-Viertel blieben und verfielen.

Vom Saulus zum Paulus
Erst 1986 kehrten die Sassi wieder ins italienische Bewusstsein zurück und wurden darauf unter Denkmalschutz gestellt und in den 90er Jahren restauriert. Dies war der Auftakt einer unglaublichen Metamorphose: Die Stadt mutierte zunächst zu der Location für Bibelverfilmungen, dann mauserte sie sich zum UNESCO-Weltkulturerbe und nun ist Matera Kulturhauptstadt Europas. Eine steilere Karriere kann eine Stadt kaum hinlegen! Matera zählt heute zu Süditaliens Glanzlichtern, die zweifellos mehr als nur einen Umweg wert sind. In die Sassi ist wieder Leben zurückgekehrt; darin finden sich heute nebst Wohnungen, kleine Restaurants, Hotels und Künstlerwerkstätte, so dass es wieder möglich ist, das Leben von damals nachzuempfinden, einfach unter viel komfortableren Umständen.

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