Einmaleins der Reisefotografie (Teil 1)

Wie wird aus einem Schnappschuss eine Fotografie? Wir zeigen es Ihnen! Überdies helfen wir Ihrer Kreativität auf die Sprünge und schärfen Ihren Blick für Motive.

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Perspektive: Bitte recken und ducken!

Unter den fotografischen Gestaltungsmitteln ist sie quasi der Hexenmeister: die Perspektive. So kann sie Miezekatzen in Raubtiere verwandeln und deren Betrachter auf die Grösse einer Maus schrumpfen lassen (Froschperspektive). Den umgekehrten Effekt bewirkt die Vogelperspektive. Sie macht den Betrachter gross und das Objekt klein. Dennoch kommt die Perspektive als gestalterisches Werkzeug wenig zum Zug. Und genau deswegen fehlt einem Foto manchmal das gewisse Etwas. Der Grossteil aller Ferienfotos wird nämlich aus der Normalperspektive und meist aus dem Stand geschossen, was unserer gewohnten Sehweise entspricht. Für Portraits ist die klassische Perspektive zwar geradezu prädestiniert, da der Fotograf seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet (Linse und Augen des Modells befinden sich auf gleicher Höhe). Doch für viele andere Motive ist sie nicht die optimale Wahl. Bevor Sie also das nächste Mal abdrücken, geben Sie verschiedenen Kamerastandpunkten und -winkel eine Chance, recken und ducken Sie sich. Oder noch besser: Liegen Sie auf den Boden! Das sind die Waffen, mit denen Sie des Blickwinkels grösster Feind schlagen – die Bequemlichkeit. Denn ein Perspektivenwechsel erfordert immer auch einen Positionswechsel. Zoomen verändert bloss den Bildausschnitt, nicht aber den Blickwinkel.

Die Perspektive dient aber auch dazu, um Bildaussagen zu untermauern. Soll eine Person beispielsweise dominant und mächtig wirken, wird sie bei gleicher Körpergrösse nicht aus der Normalperspektive fotografiert, sondern von etwas weiter unten. Um so steiler der Winkel, desto stärker der Effekt. Schon Regenten vergangener Jahrhunderte wussten die sogenannte Untersicht anzuwenden und so scheint es beim Anblick gemalter Portraits oft so, als würden sie auf uns niederschauen.

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Aus der Froschperspektive wird die Galapagos-Riesenschildkröte ihrem Namen gerecht.


Bildgestaltung – erst dividieren, dann fotografieren

Die Positionierung von Bildelementen hat grossen Einfluss auf Wirkung und Aussage der Fotografie. Die Drittelregel ist daher – insbesondere für Einsteiger – ein einfaches Hilfsmittel, um ein Gefühl für den Bildaufbau zu entwickeln. Neigen sie doch dazu, ihr Objekt in der Mitte des Suchers oder des Handydisplays zu platzieren, was nicht selten ein bisschen eintönig erscheint. Gemäss der Drittelregel gliedern Sie den Bildausschnitt mit je zwei horizontalen und vertikalen Linien in neuen gleich grosse Felder, worauf Sie zentrale Bestandteile des Fotos wie Personen oder der Horizont auf einer Linie platzieren. Elemente auf oder nahe den Schnittpunkten stechen besonders ins Auge. Ein Foto des Meeres wirkt beispielsweise oft interessanter, wenn sich die Linie des Horizontes nicht mittig durchs Bild zieht. Hingegen könnten man dem Strand, Meer und Himmel je einen Drittel zuteilen. Wenn jedoch der Himmel dank Wolkenformationen und Abendrot das dominierende Bildelement darstellt, schaffen Sie Platz, dass sich die Abendstimmung entfalten kann. Zwei Drittel Himmel und ein Drittel Meer wäre dafür eine Option.


Fangen Sie die Kontraste ein!

Das Gemälde namens Mohnfeld ist eines der bekanntesten Werke von Monet. Auch für viele andere Landschaftsmaler sind Mohnfelder ein bevorzugtes Motiv. Warum das so ist? Weil Grün die Komplementärfarbe von Rot ist, dürfte einer der Gründe sein. Und das gefällt dem Auge! Denn komplementäre Farbpaare ergänzen sich und werten sich gegenseitig auf. So sind auch Sonnenuntergänge für viele ein Augenschmaus. Denn Orange und Blau stehen sich im Farbkreis gegenüber. Neu und alt, gross und klein, hell und dunkel, warme und kalte Farben sind weitere Kontraste, die auf einem Bild Spannung erzeugen können. Der Kontrast spielt in der Fotografie eine bedeutende Rolle. Der Begriff wird übrigens vom italienischen Wort «contrasto» abgeleitet und bedeutet übersetzt nichts anderes als Gegensatz.

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Kölner Kranhäuser als Blickfänger – dank Hell-Dunkel- und Warm-Kalt-Kontrast.


Schlechtes Wetter, schlechtes Foto?

Des Reisenden Herz schlägt üblicherweise für einen stahlblauen Himmel mit einer lachenden Sonne: Ferienwetter! Fotografen hingegen bevorzugen zugunsten eines stimmungsvollen Bildes oft Wolken und Wind, Nebel und Nässe. Somit ist schlechtes Wetter nicht verantwortlich für schlechte Fotos. Allerdings wählen viele Einsteiger bei schlechtem Wetter die falschen Motive, nämlich diese, die sie auf einer Reise bei erhofftem Sonnenschein vorhatten zu fotografieren. Um Ihren Blick für neue Fotomotive zu schärfen, legen Sie daher den Fokus einmal auf Objekte, denen das Sonnenlicht nicht immer schmeichelt respektive auf Motive, die wir bei schönem Wetter oftmals ausblenden oder negativ wahrnehmen: Baukräne, Betonfassaden, Hochspannungsmasten und Fabrikanlagen. Bei Nebel, strömendem Regen oder Gewitter können genau solche verkannten Motive eine eigentümliche Ästhetik entfalten. Auch im Wald lassen sich bei Nebel sehr mystische Stimmungsbilder schiessen. Passen Sie daher die Motive dem Wetter an. Ein Beispiel: Anstatt den Eiffelturm bei tristem Regenwetter formatfüllend zu fotografieren, lichten Sie ihn durch eine mit Regentropfen versehene Bistro-Scheibe ab oder beziehen Sie die sich auf dem Trocadéro tummelnden Touristen in die Bildgestaltung ein. Deren Regenschirme werden Ihr Foto wie bunte Farbtupfer aufpeppen und einen spannungsreichen Kontrast zu den Grautönen erzeugen. Einen bewölkten Himmel kann sich der Fotograf übrigens auch als Assistent zu Nutze machen. Denn er wirkt wie ein gigantischer Diffusor und leuchtet die Motive gleichmässig aus.

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Britisches Wetter und Sehenswürdigkeit kreativ auf einen Nenner gebracht: Big Ben spiegelt sich in Regenpfütze.

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