R wie Reisefotografie (Teil 2)

Fotografieren statt knipsen: Im zweiten Teil des Foto-Crashkurses lernen Sie, zu welcher Zeit magische Momente nur darauf warten, eingefangen zu werden, wie Sie Ihre Fotomodelle mit Lichtsäumen veredeln und warum Selfie-Nasen immer zu gross sind.

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Das richtige Licht ist wie ein Gedicht

Ohne Licht, kein Foto – soviel ist klar. Aber das Licht ist auch Regisseur, Stimmungsträger und Stilmittel und unterteilt Fotos nicht selten in zwei Kategorien: gute und schlechte. In dieser Lektion sensibilisieren wir Ihre Augen daher für aussergewöhnliche Lichtsituationen. Im Fokus steht dabei die natürliche Lichtquelle (zur künstlichen zählen Blitz und Lampen). So ist es auf Reisen doch mehrheitlich das von Sonne, Mond und Sternen erzeugte Licht, das uns magische Momente schenkt – beispielsweise zur blauen Stunde. Bezeichnet wird damit das kurze Zeitfenster zwischen Dämmerung und Dunkelheit. Wenn sich Tag und Nacht kreuzen, färbt sich der Himmel tiefblau und bildet mit den farblichen Hinterlassenschaften des Sonnenuntergangs oder dem Lichtermeer einer Stadt einen Komplementärfarben- und/oder Warm-Kalt-Kontrast. Fotogen ist jedoch auch die goldene Stunde, die Zeit nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang. Dank der tiefen Farbtemperatur ist dann das Licht weich und warm. Die hochstehende Mittagssonne sorgt hingegen für grelles Licht und harte Schatten. Ein Sprichwort besagt daher: «Von elf bis drei hat der Fotograf frei.»


Frontal-, Seiten- oder Gegenlicht?

Das Licht ist im Foto-ABC das A und O. Daher kann man ihm gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken und es steht auch in dieser Lektion im Mittelpunkt. Denn über Stimmung und Ausdruck einer Fotografie entscheidet nicht nur die Farbtemperatur des Lichts, sondern auch die Lichtrichtung. Das Frontallicht (Sonne im Rücken) setzt insbesondere flächige Motive wie ein Graffiti auf einer Hauswand und starke Farben optimal in Szene, kann das Sujet in anderen Fällen aber auch flach erscheinen lassen. Modulierend wirkt hingegen das Seitenlicht. Daher kommt es beispielsweise bei Landschaftsaufnahmen gerne zum Zug. Mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, hat hingegen eine andere Lichtrichtung: das Gegenlicht – Freund und Feind zugleich. Allerdings verwandeln sich nicht alle Motive gegen die Sonne fotografiert in schwarze Silhouetten. Ausserdem haben diese auch ihren Reiz. Stellen Sie sich mal eine Silhouette von einer Kamelkarawane vor, die auf der Krete einer Sanddüne durch die Wüste stapft. Zauberhaft! Soll das Sujet aber nicht wie ein Scherenschnitt aussehen, verlagert man den Kamerastandpunkt in den Schatten oder fotografiert kurz vor Sonnenuntergang respektive nach Sonnenaufgang. Halbtransparente Motive wie Laub- und Blütenblätter kommen im Gegenlicht besonders schön zur Geltung, da sie so selbst wie eine Leuchtquelle wirken. Gegen die Sonne fotografiert, können auch Portraits zum Hingucker werden – dank Lichtsäumen an Haaren und Konturen der Portraitierten. Allerdings ist dafür meist ein Aufhellblitz notwendig und die Lichtquelle sollte durch das Modell verdeckt sein. Ein weiterer Vorteil des Gegenlichts: Es beugt zusammengekniffenen Augen der Portraitierten vor.


Mächtige Nasen, mickrige Berge

Haben Sie sich schon gewundert, warum Sie auf Selfies schlechter aussehen als im Spiegel? Keine Bange, schuld daran ist nicht das Tageslicht, sondern Ihr Handy. Und die Länge Ihrer Arme. Fotografieren Sie sich nämlich selbst, sorgt der geringe Abstand zwischen Handy und Gesicht wie ein Weitwinkel-Objektiv für eine optische Verzerrung. Die Folge: Ihr Nase wirkt auf dem Selfie bis zu einem Drittel grösser. Um so kleiner der Abstand, desto grösser die Verfälschung. Damit Ihre Gesichtsproportionen stimmen würden, müssten Ihre Arme eineinhalb Meter lang sein. Ob nun die Zeit reif ist für einen Handystick? Nicht unbedingt: Front- respektive Selfiekameras erzielen nämlich meist eine schlechtere Bildqualität als die Hauptkameras, die bei fast allen Mobiltelefonmodellen technisch die Nase vorn haben. Zu beachten ist allerdings, dass auch diese über eine Fixbrennweite verfügen, die einem Weitwinkel entspricht. Auf Hintergrundmotive hat dies somit den umgekehrten Effekt eines Selfies. Sechstausender der Anden wirken daher auf dem Handyfoto nicht mehr ganz so atemberaubend, wogegen ein Objekt im Vordergrund überproportional gross erscheint. Solche Täuschungen der Verhältnisse können enttäuschen, kann man sich aber auch als Gestaltungsmittel zunutze machen. In der Portraitfotografie kommen Weitwinkelobjektive hingegen kaum zum Einsatz. Liegt der Fokus doch üblicherweise auf einer proportionsgetreuen Aufnahme einer Person, weshalb oft Teleobjektive (grosse Brennweite) genutzt werden. Zudem lässt sich so der oder die Portraitierte vom Hintergrund besser abheben. Je grösser die Brennweite (um so mehr Sie zoomen), desto kleiner ist bei gleicher Blende die Tiefenschärfe.


Ohne Fleiss, kein Preis!

Umzingelt von Touristen und im Licht der gleissenden Mittagssonne hat es selbst ein Weltwunder schwer, auf einem Bild einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Früh aufstehen schafft Abhilfe. Mit einem auf Objektive aufschraubbaren Polarisationsfilter ist es alternativ teilweise auch tagsüber möglich, zumindest der starker Sonneneinstrahlung ein Schnippchen zu schlagen und die Farbsättigung zu erhöhen. Ein milchig-blauer Mittagshimmel wird damit plötzlich stahlblau. Alternative 2: Bildbearbeitung. Retten kann aber auch Photoshop, Instagram und Co nicht jeden Schnappschuss wie insbesondere Handyfotografen während einer Fahrt durch eine schöne Landschaft schon erfahren haben dürften. Fotografieren durch die Scheibe eines fahrenden Verkehrsmittels ist nämlich ein Foto-Fettnäpfchen, das gerne betreten wird. Der Grat zwischen Schnappschuss und Schnapsidee ist in diesem Fall schmal und die Überlebenszeit der Aufnahme aufgrund der unerwünschten Bewegungsunschärfe kurz. Ausser: Eine Giraffe galoppiert gleich schnell und parallel zum Fahrzeug – leider selbst auf Safaris ein seltenes Szenario. In allen anderen Fällen: Aussteigen oder zumindest anhalten. Kaum auf den Beinen, lauert jedoch schon der nächste Spielverderber: die Bequemlichkeit. Wenn man dann schon mal steht, verspürt man oft wenig Lust, an der Position gleich wieder etwas zu ändern und fotografiert stehend, sozusagen aus der Alltags-Perspektive. Um ein Motiv grösser abbilden zu können, überlässt manch einer die Arbeit zudem lieber dem Zoom als den Beinen. Doch Zoomen mit dem Handy verschlechtert bloss die Bildqualität, verändert aber weder Perspektive noch Brennweite. Der Titel dieser Schlusslektion ist somit Lern-Fazit und Universal-Ratschlag zugleich. Denn nebst Ihrem Können und Ihrer Ausrüstung belegt jedes einzelne Bild immer auch Ihren Fleiss.

Wir hoffen, dass wir mit dieser kleinen Fotoschule Ihre kreative Abenteuerlust wecken und Ihnen einige Foto-Grundregeln vermitteln konnten. Letztere können vor allem Einsteigern als Hilfs- und Gestaltungsmittel dienen. Ist Ihr fotografisches Auge aber erst einmal geschärft, raten wir Ihnen, sich vom Zitat eines kanadischen Naturfotografen leiten zu lassen – selbst wenn Sie digital fotografieren.

«Es gibt nur eine Regel in der Fotografie: Entwickeln Sie niemals einen Film in Hühnersuppe.»

Freeman Patterson

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