Du und ich: Die erste Begegnung (Folge 2)

Die deutsche Reisejournalistin Françoise Hauser hat für ihren «Weltenbummlerknigge» Fettnäpfchen aus aller Welt gesammelt. Lesen Sie hier Auszüge aus ihrem Buch – quasi als Prophylaxe für Ihre nächste Reise oder einfach zum Schmunzeln.

»Sie sehen aus, als ob Sie gleich ins Bett wollten«, ließ Prinz Philip, Duke von Edinburgh, im Jahr 2003 den nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo wissen, als dieser ihn bei einem Staatsbesuch vor Ort im traditionellen Gewand begrüßte. Mit diesem unschlagbaren Intro zementierte der Ehemann von Queen Elisabeth nicht nur seinen Ruf als »Prinz Peinlich«, sondern demonstrierte auch gleich noch, dass sich selbst die höflichen Briten hier und da im Ton vergreifen (obwohl man auf der Insel gerne auch die deutschen Vorfahren Prinz Philips dafür verantwortlich macht). Über das weitere Gespräch ist nichts übermittelt, beste Freunde sind Prinz Philip und Präsident Obasanjo aber wahrscheinlich nicht geworden. Immerhin braucht Obasanjo die Bemerkung nicht persönlich zu nehmen, denn dies ist nicht Prinz Philips erster verbaler Ausrutscher gewesen: Ebenfalls gerne erinnert man sich in Großbritannien an seine Frage an das schwarze Mitglied des House of Lords, Lord Taylor of Warwick, den er mit einem »Und aus welcher exotischen Ecke der Welt kommen Sie?« bedachte.

Alles in allem ist Prinz Philip der Beweis, dass man bei effizienter Arbeitsweise schon mit wenigen Worten zu Beginn einer Begegnung echte Zeichen setzen kann. Nur wenige Sekunden dauert es, bis sich Menschen bei neuen Bekanntschaften ein Urteil bilden, das fortan nur noch schwer umzustoßen ist. Der Grund dafür ist so einfach wie einleuchtend: Für den Menschen ist es seit jeher wichtig, Freund und Feind schnell zu unterscheiden, und zwar bevor einem die Keule über den Kopf gezogen wird. Ist der erste Eindruck erst versemmelt, braucht es viel Mühe und Aufwand, bis die Scharte wieder ausgebügelt ist.

Da dürfte es für Prinz Philip und all die anderen Menschen, die sich notorisch im Ton vergreifen, tröstlich zu wissen sein, dass das gesprochene Wort nur einen kleinen Teil des ersten Eindrucks ausmacht. Haltung, Mimik und Gestik spielen eine viel größere Rolle. Andererseits ist auch das keine wirklich gute Neuigkeit – denn wer kann schon von sich behaupten, all die Gesten zu beherrschen, die einen im jeweiligen Land zum Insider oder Outsider machen? Niemals wird es einem Europäer beispielsweise gelingen, eine perfekte japanische Verbeugung hinzubekommen, deren Winkel je nach der eigenen Position und der des anderen sowie dem Alter und anderen sozialen Aspekten variiert. Und wer weiß schon, dass man in Schwarzafrika niemandem (schon gar nicht dem Vorgesetzten!) direkt ins Gesicht blicken sollte? Wo die US-Amerikaner im festen Blick Charakterstärke erkennen, sehen viele Afrikaner schlicht Unverschämtheit. Andersherum sind vermeintlich schüchterne Sambier oder Südafrikaner, die bei der Begrüßung eines Fremden aufmerksam dessen Schuhe studieren, einfach nur höflich.

Wer allerdings denkt, nur die asiatischen Verbeugungen hätten es in sich, der irrt. Zumindest wenn es um die Herausforderungen jenseits orthopädischer Fragen geht. Das beste Beispiel ist das Begrüßungsküsschen. Ein Schmatzer rechts und links zur Begrüßung – das ist cool und irgendwie kosmopolitisch. Locker eben. Außer man bewegt sich im arabischen Raum, wo das Küsschen quasi eine Einladung ins Bett ist. Meistens zumindest. Bei Nordafrikanern mit viel Kontakt nach Frankreich vielleicht nicht. Oder doch? Hier ist viel Einfühlungsvermögen gefragt.

Aber auch dort, wo der Kuss zur üblichen Begrüßung zählt, tun sich allerhand Fragen auf:

a) Wie oft wird geküsst? Einmal? Zweimal? Dreimal? Dummerweise gibt es selbst innerhalb eines Landes große Unterschiede. In Paris sind es zwei Wangenküsse, im Rest des Landes dürfen es mehr sein, manchmal bis zu vier! Böse Zungen behaupten, dass sich an der Zahl der Wangenküsse der Grad der Provinzialität erkennen lässt – dass sich die Belgier ebenfalls nur zweimal küssen, passt dabei wenig zum französischen Vorurteil. In Brasilien ist es umgekehrt: Hier dominiert an der Küste die Dreifachvariante, während im Inland ein oder zweimal geküsst wird. In Rumänien wiederum wird links und rechts geküsst, während man in Spanien und in der Schweiz eine links-rechts-links Choreografie favorisiert. Sicher ist: Sind sich die Beteiligten über die korrekte Anzahl nicht einig, kommt es zu peinlichen Nasen- oder Augenbrauen-Begegnungen.

b) Wie nah geht man ran? Machen Sie nie den Fehler, einem Franzosen oder Belgier wirklich einen feuchten Schmatzer auf die Wange zu kleben. Pfui! Begrüßungsküsse sind ein bisschen wie Luftgitarre spielen: Hier wird nur simuliert.

c) In welcher Reihenfolge wird geküsst? Immerhin, hier gibt es eine Regel: Immer links anfangen. Ob dies auch gilt, wenn sich zwei Linkshänder treffen, wäre noch zu eruieren. Sicher ist beim Thema Kuss: Prominente Vorbilder taugen nur begrenzt. Der leidenschaftliche sozialistische Breschnew-Honecker-Bruderkuss auf den Mund war schon vor dem Zerfall des Ostblocks eine dubiose Sache.

Im Vergleich zum Wangenkuss scheint der Handkuss irgendwie einfacher. Vielleicht weil wir ihn in Deutschland so selten wagen? In Österreich, Ungarn, Polen und Rumänien jedenfalls lebt er noch. »Sărut mâna!«, haucht der Rumäne, der Österreicher säuselt ein lang gezogenes »Küss die Hand, gnä’ Frau«, dann blickt er der Dame tief in die Augen (und nicht in den Ausschnitt) und haucht schließlich einen angedeuteten Kuss auf ihren Handrücken. Frauen sind somit vorgewarnt, wenn ein Handkuss droht. Umgekehrt ist es nicht ganz so einfach. Gehen Sie als Mann in diesen Ländern davon aus, dass Frauen Ihnen NICHT die Hand hinstrecken, um ihre Maniküre bewundern zu lassen! Ansonsten gilt: In der Disko und auf Motorradtreffen nehmen Sie von der Sitte des Handkusses Abstand.


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